Interview zur Energiewende in Deutschland

„Wir brauchen eine bürger-orientierte Energieversorgung“

Warum die Energiewende nur gelingen kann, wenn Energieversorgung demokratisiert wird. Wir sprachen mit Uli Ahlke, Leiter des Kreisamtes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit im münsterländischen Kreis Steinfurt darüber, wie Bürgerenergie erfolgreich umgesetzt werden kann.

Bürgerinnen und Bürger tragen maßgeblich zu einer erfolgreichen Energiewende in Deutschland bei. Die Landwirtschaft eingeschlossen, besitzen Privatpersonen hierzulande etwa 42% aller Erneuerbare-Energien-Anlagen [2]. Dennoch unterstützt die Deutsche Bunderegierung den stetigen Ausbau der Bürgerenergie noch zu wenig. Das zeigen beispielsweise die EEG-Novelle von 2017 [3] auf nationaler Ebene und die Verhandlungen zu der am 14. Juni diesen Jahres verkündeteten Erneuerbare-Energien-Richtlinie [4] auf europäischer Ebene; diesbezüglich wurde das Verhalten der Bundesregierung hinsichtlich der Interessensvertretung von Bürgerenergie stark kritisiert [5]. Doch auch lokale Regierungen und Verwaltungen können entscheidend dazu beitragen, Bürgerenergie voranzutreiben. Der münsterländische Kreis Steinfurt, nahe der niederländischen Grenze, beschreitet in dieser Beziehung einen vorbildlichen Weg. Seine 24 Kommunen mit etwa 445.000 Einwohnerinnen und Einwohnern haben sich zur Aufgabe gemacht, bis 2050 bilanziell energieautark durch erneuerbare Energien zu sein – und das mit einer größtmöglichen Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Bereits heute stammen mehr als 60% des Stroms aus erneuerbaren Energien. Wir sprachen mit Uli Ahlke, Leiter des Kreisamtes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit, über die Rolle und Möglichkeiten lokaler Behörden bei der Unterstütztung von Bürgerenergie, über den Umgang mit nationalen Hindernissen sowie über die Zukunft der Energiewende in Deutschland.

 

Was ist Bürgerenergie?

Das  Bürgerenergiekonzept basiert auf der Idee der lokalen Trägerschaft von Erneuerbaren Energien. Die „International Renewable Energy Agency (IRENA) Coalition for Action“ beschreibt Bürgerenergie als die wirtschaftliche und operative Beteiligung und/oder das Eigentum von Bürgerinnen und Bürgern oder Mitgliedern einer bestimmten Gemeinschaft an einem Projekt für Erneuerbare Energien. Die drei Hauptkriterien, die Bürgerenergieprojekte von anderen Projekten unterscheiden, sind lokale Beteiligung am Eigenkapital (mehr als 50%), lokale Stimmhoheit im Projekt und mehrheitlich lokaler Verbleib der sozialen und wirtschaftlichen Wertschöpfung, die durch das Projekt entsteht.[1]

 

Einsatz für Bürgerenergie: Uli Ahlke ist Leiter des Kreisamtes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit im münsterländischen Kreis Steinfurt

World Future Council: Der Kreis Steinfurt strebt an, bis 2050 energieautark durch erneuerbare Energien zu sein. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Bürgerenergie zu fördern, um den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben, anstatt sich auf groß angelegte Investitionen zu fokussieren?

Uli Ahlke: Wir haben Untersuchungen in unserer Region angestellt und wissen, dass die bilanzielle Energieautarkie nur dann zu erreichen ist, wenn wir die Energiewende regional und dezentral gestalten  ̶  und, dass es nicht ohne die Bürgerinnen und Bürger geht. Wir haben vor etwa 18 Jahren schon einmal einen ganz intensiven Windenergie-Ausbau mit sehr vielen Fremdinvestoren in dieser Region erlebt, welcher relativ schnell an Akzeptanzgrenzen gestoßen ist.

Unsere hoch gesteckten Ziele, da sind wir uns sicher, können ohne die Windenergie nicht erreicht werden. Also haben wir uns gefragt, was müssen wir tun, damit wir bei einem neuen Ausbau-Schwung die Akzeptanz erhalten. Dafür mussten wir die Menschen in die Planungsverfahren transparent einbinden und ihnen die Möglichkeit bieten, sich finanziell zu beteiligen, um von der lokalen Wertschöpfung zu profitieren. Immerhin gibt der Kreis Steinfurt im Jahr 1,5 Milliarden Euro für Energie aus – für Strom-, Wärme- und Mobilitätsenergie. Geld, das wir im Sinne regionaler Wertschöpfung in der Region behalten wollen.

Wie genau kann denn auf der lokalen Ebene die Bürgerenergie in die Klima-Aktionsplanung eingebunden werden und welche Beteiligungs-Mechanismen waren in Steinfurt besonders wirksam?

Das, was wir hier machen ist nur möglich, weil wir dieses Team haben. Wir sind 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich um die nachhaltige Entwicklung der Region, um ländliche Entwicklung, um Klimaschutz und Bildung für Nachhaltige Entwicklung kümmern. Das Ganze haben wir strukturell  im letzten Jahr verfestigt und einen Verein gegründet – den „energieland2050 e.V.“ . Wir organisieren breit angelegte Beteiligungsverfahren; wir machen viel Öffentlichkeitsarbeit über die klassischen Pressewege, aber inzwischen auch immer mehr über die sozialen Medien; wir argumentieren ganz stark mit regionalen Vorteilen; und wir haben viele Multiplikatoren, insbesondere seitens der Wind-Bauern.

Im Zuge des Windenergie-Ausbaus haben wir, in Abstimmung mit dem Bauernverband, mit den Stadtwerken und mit allen 24 Bürgermeistern, Leitlinien für Bürgerwind entwickelt. Diese Leitlinien sorgen nicht nur dafür, dass wir Bürgerinnen und Bürger beteiligen, sondern auch, dass die erste Anlaufstelle bei der Suche nach Krediten die regionalen Kreissparkassen und Volksbanken sind und, dass die ersten Ansprechpartner bei der Stromvermarktung immer die regionalen Stadtwerke sind.

Bei der Anwerbung von finanziellen Mitteln durch Bürgerbeteiligung haben wir allein für einen Windpark drei Veranstaltungen organisiert, zu denen etwa 900 Menschen gekommen sind. Zwei Wochen später hatten wir 30 Millionen Euro, obwohl wir nur 15 brauchten.

2011 haben wir eine „Servicestelle Windenergie“ eingerichtet. Dort arbeitet eine Kollegin, die sich um das Konfliktmanagement kümmert und immer dann, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, rausfährt, mit den Leuten redet und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen sucht. Wir haben auch einen „Runden Tisch Windenergie“ eingführt und dazu alle Akteure, die am Ausbau von Windenergie beteiligt sind, vier Mal im Jahr eingeladen. Hier werden Konflikte offen und transparent angesprochen.

Ein Runder Tisch soll helfen, Konflikte zu lösen

Aber das Thema Windenergie ist nur ein Puzzleteil aus dem großen Ganzen. Wir entwickeln beispielsweise momentan einen „Masterplan Sonne“. Unser Ziel ist es, aus dem „energieland2050“ eine Bewegung zu machen, in der immer mehr Menschen im Sinne der Region Klimaschutz betreiben. Viele Mensch trauen uns zu, dass wir die Dinge, die wir in die Hand nehmen, gut machen und sie wissen, dass wir im Sinne der Agenda 21 [6] handeln. Aber das ist nicht vom Himmel gefallen, sondern im Laufe von Jahren entstanden, in denen sich Menschen kennengelernt und Vertrauen zu einander gefunden haben. Ich glaube im Übrigen auch, dass Nachhaltigkeit und Regionalität eng miteinander verbunden sind, weil wir die Anonymität aufgeben und mit Menschen zusammen arbeiten, die wir kennen.

Da stimme ich Ihnen zu. Wie gehen sie denn auf der lokalen Ebene mit nationalen rechtlichen und regulativen Hindernissen für Erneuerbare in Bürgerhand um, beispielsweise mit der EEG Novelle von 2017?

Ich glaube, die Energiewende kann nur gelingen, wenn es die, in Hermann Scheers Worten, „Demokratisierung der Energieversorgung“ gibt – wenn wir einen Durchdringungsprozess haben. Die EEG-Novelle von 2017 hat die Bürgerenergiebewegung geschwächt. Der Grund für die Schwächung der Bürgerenergie ist vermutlich die konzernorientierte Energiepolitik. Wir brauchen aber eine Politik, die bürgerorientiert ist, da eine konzern-orientierte Politik eine erfolgreiche Energiewende verhindert. Die Berliner Energiepolitik verfolge ich mit Sorge. Wenn nicht ganz schnell umgesteuert wird, werden wir das 2 Grad-Ziel sicher verfehlen.

Der von uns gewählte Steinfurter Weg ist geprägt durch unseren energetischen Imperativ „regional – dezentral – CO2-neutral“. Unterstützt und begleitet  wird dieser Weg durch das energieland2050-Unternehmernetzwerk. In diesem Netzwerk engagieren sich ausschließlich verantwortungsvolle Unternehmen aus der Region.

Eine Studie der Leuphana Universität in Lüneburg [7] hat gezeigt, dass als zentrale Hindernisse für die Initiierung von Bürgernergie-Projekten die Verfügbarkeit von Eigenkapital und der Zugang zu freien Flächen für Anlagen, wie Windkraftanlagen, gelten. Wie können lokale Behörden in diesen Bereichen Abhilfe leisten?

Wir haben zu Beginn eine Potenzialstudie gemacht und haben uns unsere Windausbaupotenziale  angeschaut. Man darf nicht verkennen, dass wir keine besonders bevorzugte Region für Windenergie sind; wir sind keine Küstenregion und teilweise suburban zersiedelt. Auf der Grundlage der Potenzialstudie haben wir gemeinsam mit dem Bauernverband, den Bürgermeistern und vielen weiteren Akteuren die Leitlinien für Bürgerwind entwickelt und darauf gestützt den Windenergieausbau vorangetrieben. Den Ausbau der Windenergie haben wir mit regionalen Akteuren umgesetzt – wir brauchten in unserer Region keine externen Projektierer und Berater – auch die Finanzierung erfolgte weitgehend mit Kapital aus der Region, von Bürgerinnen und Bürgern, von der Kreissparkasse und von regionalen Volksbanken – ein deutschlandweit relativ einmaliges Vorgehen.

Bau des Bioenergieparks Saerbeck

Als wir mit einigen Akteuren 2010 anfingen das Thema Windenergie aufzugreifen und dafür sogar einen Masterplan hatten, wurden wir sehr skeptisch betrachtet. Und heute gucke ich ganz relaxed zurück und sage: Hat geklappt!

Das freut mich zu hören. Dann kommen wir auch schon zur letzten Frage, die genau dort ansetzt. Sie arbeiten ja jetzt schon seit vielen Jahren mit Herzblut in diesem Bereich. Was können Sie Menschen in lokalen Regierungen, Kommunen und Verwaltungen, als Rat mitgeben, damit sie nicht Geduld und Zuversicht für ihre Arbeit in Erneuerbare und die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern verlieren?

Was man braucht ist Ausdauer, Geduld und Abstraktionsvermögen. Wir Menschen sind ja häufig ungeduldig und können uns Veränderungen nicht vorstellen, dabei verändert sich die Welt so schnell wie nie zuvor. Ich glaube, um Menschen zu gewinnen, reicht es nicht nur, Argumente zu haben, sondern es ist wichtig ein Bild – einen Zukunftsentwurf – davon zu zeigen, wo man hin will und wie positiv die Zukunft aussehen kann. Ich zeige am Ende meiner Vorträge häufig ein Bild vom Kreis Steinfurt, auf dem kann man lesen: „Kreis Steinfurt – 24 Luftkurorte“. Wenn die Energiewende gelingt, werden wir saubere Luft atmen und es wird leiser werden. Also wenn sie gelingt  ̶  und ich gehe davon aus, dass sie zumindest in Teilen gelingt  ̶  dann wird das Leben angenehmer und wir kommen raus aus dem Luftverschmutzungsdilemma, in dem wir jetzt stecken.

Das Interview wurde geführt von Nele Kress.

Fußnoten

[1] IRENA Coalition for Action (2018). Community Energy. Broadening the Ownership of Renewables. https://bit.ly/2MCevv9 (28.08.2018).

[2] Agentur für Erneuerbare Energien (2018). Bürgerenergie bleibt Schlüssel für erfolgreiche Energiewende. https://bit.ly/2nztV4q (28.08.2018).

[3] Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), welches erstmals im Jahr 2000 in Kraft getreten ist, ist das zentrale Steuerungsinstrument für den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie, Wasserkraft, Biomasse und Geothermie im Bereich der Stromerzeugung in Deutschland. Die grundlegenden Veränderungen der letzten große Novelle des EEG im Jahr 2017 betreffen vor allem die obligatorische Direktvermarktung und einen grundlegenden Systemwechsel vom Modell der Einspeisevergütung hin zum Ausschreibungsverfahren. Dieses Modell wurde dafür kritisiert, die Klimaschutzziele des Pariser Abkommens zu verfehlen und Bürgerenergieprojekte zu benachteiligen.

[4] Mit dem politischen Abkommen der Europäischen Komission, des Europäischen Parlaments und des Europäischen Rats zur Erneuerbare-Energien-Richtlinie am 14. Juni 2018 definiert Europa erstmals ein konkretes Recht auf erneuerbare Energieversorgung. Bürgerenergie-Akteure werden dabei als integraler Bestandteil des Energiesystems anerkannt. Die deutsche Bundesregierung, insbesondere Wirtschaftsminister Peter Altmeier, wurden dafür kritisiert, die Verhandlungen blockiert zu haben.

[5] We Act (2018). Bürgerenergie für alle – Deutschland muss Blockadehaltung in der EU endlich aufgeben! https://bit.ly/2E1cxuX (28.08.2018).

[6] Die Agenda 21 ist ein umfassender Aktionsplan der Vereinten Nationen, welcher von 172 Staaten auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 beschlosssen wurde. Er setzt Leitlinien für das 21. Jahrhundert, vor allem zur nachhaltigen Entwicklung, und wird von Akteuren auf lokaler, nationaler und globaler Ebene umgestzt.

[7] Leuphana Universität Lüneburg (2014). Marktrealität von Bürgerenergie und mögliche Auswirkungen von regulatorischen Eingriffen. https://bit.ly/2MKd3mr (20.08.2018)